Umgang mit „Emerging Risks“

Der Begriff „Emerging Risks“ bezeichnet potenzielle Risiken/Risikofelder, die zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht ausreichend verstanden werden. Dies betrifft insbesondere neue Technologien wie die Nanotechnologie, die Gentechnik, die Synthetische Biologie oder künstliche erzeugte elektromagnetische Felder. Bei diesen Technologien wäre es vorstellbar, dass in Zukunft neue Informationen über Langzeitfolgen oder Nebenwirkungen bekannt werden. Neben dieser Unsicherheit bieten neue Technologien auch erheblichen Nutzwert für Unternehmen und Verbraucher. Deswegen müssen Unternehmen einen Weg finden mit diesen „Emerging Risks“ verantwortungsvoll umzugehen, ohne dadurch auf die Chancen der neuen Technologie zu verzichten.
Gerade kmU können keine eigenen Abteilungen unterhalten, die Grundlagenforschung betreiben um die „Emerging Risks“ selbst abzuschätzen; sie müssen dabei dem Stand der Technik vertrauen. Hier liegt eigentlich auch schon der wichtigste Ansatzpunkt für einen verantwortungsvollen, vorausschauenden Umgang mit „Emerging Risks“. Eine systematische Auswertung des Stands der Technik und eine Ableitung von verschiedenen Management-Strategien soll im Folgenden beschrieben werden:

1. Identifikation relevanter „Emerging Risks“-Bereiche

Hierfür bietet sich ein Workshop mit Verantwortlichen aus folgenden Bereichen an: Produktion, Entwicklung, Labor, Qualitätsmanagement, Vertrieb, Regulatory Affiairs.
Dabei ist zwischen der Identifikation bekannter Bereiche und neuer unbekannter Bereiche zu unterscheiden. Eine kurze Checkliste für bekannte, bzw. typische“ Emerging-Risks“ wird hier bereitgestellt:
Technologiebereiche:

  • Nanotechnologie
  • Künstliche elektrische Felder
  • Gentechnik
  • Synthetische Biologie
  • Mineralische Fasern (z. B. Asbest)

Betroffene Stakeholder

  • Mitarbeiter (z. B. Produktionsprozesse)
  • Kunden/Dritte bei der Anwendung
  • Umwelt/Umfeld des Unternehmens
  • Eigentümer, Banken, Versicherungen

Besonders kritische Märkte/Anwendungsbereiche:

  • Lebensmittel, Pharmazie
  • Medizinprodukte
  • Luft- und Raumfahrt
  • Automobilbau
  • Umwelttechnik/Filtertechnik
  • Produkte mit Hautkontakt (z. B. Textilien)

Aber auch der Einsatz von etablierten Technologien in neuen Anwendungsfeldern (z. B. neue Chemikalien zur Veredelung von modischen Textilien oder textile Filter für die Filtration in einer neuartigen verfahrenstechnischen Anlage), haben Merkmale von „Emerging Risks“. Asbest, welcher besonders als Isolationsmaterial und im Bau eingesetzt wurde, ist ein oft zitiertes Beispiel für „Emerging Risks“, wobei es sich hier nicht um eine grundlegend neue Technologie wie z. B. Nanotechnologie gehandelt hat. Asbest wurde seit den 1820er-Jahren im Bereich der feuerfesten Kleidung und als Isolationsmaterial eingesetzt. Damals waren Risiken für die Gesundheit noch völlig unbekannt. Ab 1900 wurde Asbest dann auch zunehmend in anderen Bereichen eingesetzt, beispielsweise als Beimischung in Faserbeton. Mit dem zunehmenden Einsatz von Asbest wurden auch immer mehr Informationen über die Gesundheitsfolgen bekannt. Mittlerweile ist der Einsatz von Asbest in vielen Ländern verboten (z. B. 1990 Schweiz, 1993 Deutschland, 2005 EU). Mehr Informationen zu diesem Beispiel finden Sie hier.

„Emerging Risks“-Bereiche können noch vollkommen unbekannt sein. Deswegen ist es angezeigt die oben aufgeführte Checkliste gegebenenfalls zu vervollständigen, falls es Hinweise auf neue „Emerging Risks“-Bereiche gibt.

Für jeden identifizieren Bereich wird eine Bewertung vorgenommen und ein Verantwortlicher festgelegt. Je nach Unternehmensgröße kann der zweite Schritt nun in der gleichen Sitzung oder innerhalb gesonderter Workshops erfolgen.

2. Identifikation und Bewertung einzelner Risiken für die identifizierten „Emerging Risks“-Bereiche:

Dazu zwei Beispiele für den Bereich Nanotechnologie für einen Hersteller von technischen Filtern:
1. Beispiel
Risiko: Langzeitschaden für die Gesundheit durch Nanopartikel
Ursache: Kontamination von Lebensmitteln mit Nanopartikeln durch beschichtete Filter
Folge: Gesundheitsschäden bei den Konsumenten der betroffenen Lebensmittel
Zum Zeitpunkt dieser Risikoanalyse dürfen keine bzw. nur sehr unsichere Hinweise und Informationen vorliegen, dass diese Nanopartikel die Gesundheit schädigen. Sonst würde es sich nicht um ein „Emerging Risk“ sondern um ein bekanntes Risiko handeln. Es geht hier um den Fall, dass eine nach dem aktuellen Stand der Technik unschädliche Beschichtung eingesetzt wird, die alle Anforderungen der Lebensmittelproduktion erfüllt.
2. Beispiel:
Risiko: Langzeitschaden für die Gesundheit durch Nanopartikel
Ursache: Schädigung der Mitarbeiter in der Produktion bei der Produktion beschichteter Filter, Hautkontakt oder Inhalation
Folge: Gesundheitsschäden der Mitarbeiter

Die entsprechenden Risiken sind nun zu bewerten. Bei der herkömmlichen Risikobewertung geht man davon aus, dass die Bewertung korrekt ist. Bei der Bewertung eines „Emerging Risks“ hat man es dagegen mit größeren Unsicherheiten zu tun und geht darüber hinaus davon aus, dass sich der Stand der Technik bezüglich dieses Risikos noch im Fluss befindet. Spätere Änderungen der Einschätzung sind also wahrscheinlich. Das Schadensausmaß kann auf Basis des maximal möglichen Schadens bewertet werden.  Dies führt aber kaum zu praxistauglichen Bewertungen, da sich z. B. verheerende Gesundheitsschäden aufgrund von bisher unbekannten Langzeitfolgen selten mit absoluter Gewissheit ausschließen lassen. Wenn man diesen Weg wählt, sollten auch entsprechend passende Wahrscheinlichkeitskategorien  genutzt werden. Dazu möchte ich kurz Beispiel 1 anführen:

1. Beispiel
Risiko: Langzeitschaden für die Gesundheit durch Nanopartikel
Ursache: Kontamination von Lebensmitteln mit Nanopartikeln durch beschichtete Filter
Folge: Gesundheitsschäden bei den Konsumenten der betroffenen Lebensmittel

Bewertung des Ausmaßes (auf Basis des größten vorstellbaren Schadens): Katastrophal (Existenzgefährdend für das Unternehmen etc.)

Bewertung der Wahrscheinlichkeit: nach dem momentanen Stand der Technik auszuschließen

Ein als „unmöglich“ oder „auszuschließen“ eingestuftes Risiko kann auch dann akzeptabel sein, wenn das Schadensausmaß an sich äußerst hoch ist.

Kann man das Risiko aufgrund des Standes der Technik, eigenen Versuchen etc. relativ gut einschätzen sollte die Bewertung auf dieser Grundlage durchgeführt werden. Für jeden identifizierten „Emerging Risks“-Bereich ist es in der Regel angezeigt einen Verantwortlichen zu benennen, der sich regelmäßig auf dem aktuellen Stand der Technik hält. Entsprechende Bewertungen der „Emerging Risks“ können auch Teil regelmäßiger strategischer Technologie- und Produktentwicklungs-Planungstreffen sein (z. B. jährlich). Das besondere an „Emerging Risks“ ist, dass die entsprechenden Risikobewertungen bei neuen Informationen zu den Risiken anzupassen sind. Dies gilt natürlich insbesondere dann, wenn neue Risiken bekannt werden oder die Bewertung bestehender Risiken verschärft werden muss.

3. Maßnahmendefinition

Die Maßnahmen können sich für unterschiedliche Märkte, Produkte und Materialien unterscheiden.

Dies kann an Beispiel 1 verdeutlicht werden:

Risiko: Langzeitschaden für die Gesundheit durch Nanopartikel
Ursache: Kontamination von Lebensmitteln mit Nanopartikeln durch beschichtete Filter
Folge: Gesundheitsschäden bei den Endverbrauchern der Lebensmittel
Maßnahmen:
1. nur Nanobeschichtungen einsetzen, die weniger als 1% ihrer Beschichtung über die Produktlebensdauer abgeben
2. Information der Kunden über die eingesetzten Nanobeschichtungen
3. Sicherstellung einer Rückverfolgbarkeit für eingesetzte Beschichtungen (welche Produkte wurden an welchen Kunden mit welchen Beschichtungen ausgeliefert)
4. Bestimmte Nanobeschichtungen ausschließen
5. Nanobeschichtungen nicht für Produkte in bestimmten Märkten einsetzen
6. Planung einer neuen Testreihe für die Entwicklung von nanobeschichteten Filtern als neuer Bestandteil des Entwicklungsprozesses

Letztendlich müssen die Risiken dann für das einzelne Produkt oder für den Produktionsprozess innerhalb der Produkt- und Prozessentwicklung gemanagt werden, wie die anderen Risiken auch. Dafür muss den Mitarbeitern jedoch ein verlässlicher Rahmen zur Verfügung gestellt werden, wie sie mit „Emerging Risks“ umgehen sollen, und auf welche Risiken speziell zu achten ist. Identifizierte „Emerging Risks“ sollten sich zum Beispiel in den Risikochecklisten wieder finden, sofern solche zur Risikoidentifikation verwendet werden.

 

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